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»Obwohl ich gar kein Briefschreiber bin…«

Der zweite Band der neuen Briefedition Hermann Hesses zeigt den Schriftsteller zwischen Weltflucht und Weltkrieg

Wenn Hermann Hesse in einem Brief an Theodor Heuss schreibt, »[…] ich selber bin sonst kein Briefschreiber« (232), dann mutet das fast wie eine Lüge an. Behauptet er es aus Selbstschutz oder ist ihm der Umfang seiner Korrespondenzen selbst nicht klar? 40.000 Zuschriften von über 6.000 Absendern, 15.000 Antworten und eine Grauziffer von beinahe dem Doppelten beweisen  im Gegenteil, dass Hesse einer der produktivsten Briefschreiber des 20. Jahrhunderts war. Seit dem Abschluss der Gesammelten Briefe 1986 sind immer mehr dieser Briefe aufgetaucht und werden nun in der neuen, auf 10 Bände angelegten Briefausgabe bei Suhrkamp zugänglich gemacht. Unbedingt ein Grund hineinzuschauen.


»Und genau das ist Literatur, eine unkontrollierbare Angelegenheit«

Moacyr Scliars Kafkas Leoparden – literarische Entgegnung aus Brasilien

Moacyr Jaime Scliar, »Schriftsteller, Arzt und Jude – woraus ersichtlich ist, welche Last ein menschliches Wesen mit sich herumschleppen kann«, sprach wie Kafka von Identität als Problem. In der Erzählung Kafkas Leoparden spürt er dieser komplexen Identitätsproblematik ohne spürbare Schwere und auf höchst literarische Weise nach.


Im Zeitvakuum

Roman Ehrlichs erster Roman: Der Erzähler und die schlafende Welt

Es ist eine weite Landschaft, in die Roman Ehrlich seine Leser in Das kalte Jahr hineinführt. Dieses Erstlingswerk erkundet den multidimensionalen Raum des Erzählens und fordert dazu auf, diesen Raum in seiner gesamten Tiefe zu erkunden. Völlig zu Recht wurde Roman Ehrlich, geboren 1983 und Alumnus des DLL, in diesem Monat mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet. Und Katja Petrowskaja hätte ihm auch den Bachmann-Preis gegönnt. Man kann noch so viel über die kalte Prosa aus den Reihen der deutschen Literaturinstitute klagen: Dieser Roman besitzt die Weite und die Tiefe eines ausgereiften Werks.


Bilanz eines Suchenden

Zur Neuauflage von Hoimar von Ditfurths Innenansichten eines Artgenossen

Den meisten der heute unter Dreißigjährigen dürfte der Name Hoimar von Ditfurth nichts mehr sagen und doch war der 1989 gestorbene Mediziner, Wissenschaftsjournalist, Philosoph und Autor mehrerer Bestseller eine der herausragenden Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, der durch seine Bücher und Wissenschaftssendungen (Querschnitte) eine ganze Generation geprägt hat.


Wie der Vater, so der Sohn

Alex Capus' neuer Roman und der Versuch Vergangenheit zu erzählen

Film- und Fernsehproduktionen, in denen historische Ereignisse im Mittelpunkt stehen, zeichnen sich vor allem durch eine Besonderheit aus. Bei der Rekonstruktion von Vergangenheit vermischen sich Fakten und fiktionale Einschübe, reale Ereignisse und Spekulationen. Historische Filmdokumente stoßen auf Szenen, in denen die Dramaturgie des Spielfilms darüber entscheidet, wie historische oder schlicht erfundene Figuren interagieren. Unter dem Schlagwort ›Dokufiction‹ wird Geschichte auf unterhaltsame Weise dargestellt. Auch in der Belletristik lässt sich dieser Trend, denkt man an historische Stoffe wie Uwe Timms Roman Morenga (1978) und seine Erzählung Am Beispiel meines Bruders (2003) oder auch Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt (2005), beobachten. Er ist eine gute Voraussetzung, um einen ›Bestseller‹ zu landen, wie Klaus Modick es 2006 mit ironischem Blick in dem gleichnamigen Roman auf den Punkt gebracht hat.


Du musst das System nicht checken um es zu hacken.

Tristan Marquardts Gedichtband »das amortisiert sich nicht«. Eine Gemeinschaftsrezension

Dieses Debüt ist Science-Fiction, nur ohne UFOs und spaceige Sonnenbrillen. Bei Tristan Marquardt wird nicht die Welt gerettet; kann man sie im Entstehen beobachten. Sein Gedichtband ist Science-Fiction also im Sinne einer Wissenschaft des Fiktiven. Er ist ein Versuchslabor, in dem Sprache verortet, Räume vermessen und Versuchsanordnungen aufgestellt werden. Im weißen Kittel geht es hier ums Ganze, um die Möglichkeit dieser Sprache, um die Ausweitung der Blickzone.


Auf der Grenze

Die »Neue Rundschau« erkundet den Comic in theoretischer Reflexion und poetischer Praxis

Themenhefte zum »Comic« gibt es inzwischen von fast jeder größeren Literatur- bzw. Kulturzeitschrift. Bereits 1998 widmete sich die 51., von Jens Balzer und Martin tom Dieck herausgegebene, Ausgabe der Zeitschrift »Schreibheft« ganz der graphischen Literatur; Ende 2012 zog auch die im Fischer Verlag erscheinende »Neue Rundschau« nach: Das dritte Heft im 123. Jahrgang nähert sich dem Medium Comic aus unterschiedlichen Perspektiven.


Uwe Timm – Fluchtpunkt Insel

Im neuen Roman von Uwe Timm betrachten wir die Insel aus einer neuen Perspektive. Weniger aus der eines Urlaubers, mehr aus der eines Suchenden. Vogelweide ist eine statische Erzählung früherer Bewegung. »Eine Innenaufnahme aus dem Gefühlskosmos der arrivierten deutschen Mittelschicht, wie sie selbst noch im Scheitern auf sich stolz ist.« (Die Zeit)


Ein Stück europäischer Geschichte

Zülfü Livanelis Roman Serenade für Nadja ist ein gelungener Rechercheroman zurück bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs

Spätestens seit den Gezi-Park-Protesten in der Türkei und deren Präsenz in den Medien dürfte den meisten Deutschen klargeworden sein, daß die Beziehungen der beiden Länder besondere sind. Die Türkei ist eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen und viele türkischstämmige Mitbürger bereichern unser Leben nicht nur durch die Dönerbude an der Ecke. Die deutschen Medien berichteten ausführlich und die türkischsprachigen Sonderseiten in der letzten Juni-Ausgabe des Spiegel waren sicherlich nicht bloß eine PR-Kampagne des Hamburger Magazins. Auch wenn das politische Verhältnis einst besser war, ist das kulturelle, persönliche wahrscheinlich besser denn je, und es sind gerade die seitens der Regierung in Ankara auf verschiedenste Weise verunglimpften Demonstranten, die deutlich machen, wie sehr einige Bevölkerungsgruppen der Türkei längst ihr Wertesystem mit uns teilen. Man möchte fast sagen, daß sie uns zeigen, daß eher wir die träge, konsumfreudige Masse sind, die bis vor kurzem in den jungen türkischen Menschen im eigenen Land, aber auch in Deutschland gesehen wurden.


Wo Erzählen und Erzählung zusammen fallen, gehen wir durch die Zeit

David Grossmans Aus der Zeit fallen

Über David Grossmans aktuelles Buch wurde schon viel  gesagt: Eine bewegende Momentaufnahme aus der persönlichen Trauer über den Verlust seines Sohnes sei es (so Deutschlandradio Kultur), eine rührende Aufarbeitung traumatischen Verlustes (Radio Bremen), literarische Studie über ein universelles Gefühl (F.A.Z.), eine Kollage aus Poesie und Prosa, aus Hohelied und Totenklage (NDR Kultur). Es ist tatsächlich tragisch, dass Uri in dem Moment von einer Panzerabwehrrakete getroffen wird, in dem sein Vater ein Buch darüber schreibt, wie eine Mutter vor der vermeintlichen Todesnachricht ihres Sohnes entflieht. Eine Frau flieht vor einer Nachricht wurde 2009 mit dem Friedenpreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Ironie außerdem, dass Grossman sich kurz zuvor gegen den Krieg im Libanon ausgesprochen hatte. Aus der Zeit fallen ist trotzdem weder autobiographisches Titbit noch ästhetisch aufgearbeitete Anthropologie der Trauer, sondern ein zuweilen anstrengendes Thematisieren der erzählten Zeitlichkeit.


 

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