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Ein Stück europäischer Geschichte

Zülfü Livanelis Roman Serenade für Nadja ist ein gelungener Rechercheroman zurück bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs

Spätestens seit den Gezi-Park-Protesten in der Türkei und deren Präsenz in den Medien dürfte den meisten Deutschen klargeworden sein, daß die Beziehungen der beiden Länder besondere sind. Die Türkei ist eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen und viele türkischstämmige Mitbürger bereichern unser Leben nicht nur durch die Dönerbude an der Ecke. Die deutschen Medien berichteten ausführlich und die türkischsprachigen Sonderseiten in der letzten Juni-Ausgabe des Spiegel waren sicherlich nicht bloß eine PR-Kampagne des Hamburger Magazins. Auch wenn das politische Verhältnis einst besser war, ist das kulturelle, persönliche wahrscheinlich besser denn je, und es sind gerade die seitens der Regierung in Ankara auf verschiedenste Weise verunglimpften Demonstranten, die deutlich machen, wie sehr einige Bevölkerungsgruppen der Türkei längst ihr Wertesystem mit uns teilen. Man möchte fast sagen, daß sie uns zeigen, daß eher wir die träge, konsumfreudige Masse sind, die bis vor kurzem in den jungen türkischen Menschen im eigenen Land, aber auch in Deutschland gesehen wurden.


Wo Erzählen und Erzählung zusammen fallen, gehen wir durch die Zeit

David Grossmans Aus der Zeit fallen

Über David Grossmans aktuelles Buch wurde schon viel  gesagt: Eine bewegende Momentaufnahme aus der persönlichen Trauer über den Verlust seines Sohnes sei es (so Deutschlandradio Kultur), eine rührende Aufarbeitung traumatischen Verlustes (Radio Bremen), literarische Studie über ein universelles Gefühl (F.A.Z.), eine Kollage aus Poesie und Prosa, aus Hohelied und Totenklage (NDR Kultur). Es ist tatsächlich tragisch, dass Uri in dem Moment von einer Panzerabwehrrakete getroffen wird, in dem sein Vater ein Buch darüber schreibt, wie eine Mutter vor der vermeintlichen Todesnachricht ihres Sohnes entflieht. Eine Frau flieht vor einer Nachricht wurde 2009 mit dem Friedenpreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Ironie außerdem, dass Grossman sich kurz zuvor gegen den Krieg im Libanon ausgesprochen hatte. Aus der Zeit fallen ist trotzdem weder autobiographisches Titbit noch ästhetisch aufgearbeitete Anthropologie der Trauer, sondern ein zuweilen anstrengendes Thematisieren der erzählten Zeitlichkeit.


Absturzgefährdet

Jörg-Uwe Albigs Ueberdog zelebriert die Frage nach der Nahbarkeit von Stars

  Stella ist Gesellschaftsphotographin. Ihre Passion ist es, ständig die Nähe zu Gestalten der Hochglanzmagazine zu suchen. »Engel«, wie sie sagen würde. Sie abzulichten, aber auch sich in gewisser Weise mit ihnen zu messen ist ihr einziger Lebensinhalt. Greifbarster Maßstab ihres Strebens ist Nina Löwitsch, die geschafft hat, was sie selber nicht erreicht hat. Die ehemalige Kommilitonin ist in ihrem Beruf, und vor allem in dieser angestrebten Gesellschaftsschicht, oben angekommen. Während Stella versuchen muß, ihre Bilder einzeln an Regionalblätter zu verkaufen und hauptsächlich vom Gehalt ihres Freundes Patrick lebt, taucht Nina, selbst schon ein Sternchen, mit eigenem Gefolge auf. Wenn ihr etwas zu banal scheint, verläßt es mit ihr auf einen Wink hin die Veranstaltung.


Dem Mythos auf der Spur

Ein Gespräch mit der Kuratorin Susanne Kleine zur Rolle Anselm Kiefers in der deutschen Gegenwartskunst

Anlässlich von Ausstellungen wie »Nur Hier« in der Bonner Bundeskunsthalle, die bundesweite Ankäufe deutscher Gegenwartskunst zeigte, rücken Themen und Bildsprache der gegenwärtigen Kunstszene gebündelt in den Vordergrund. Dabei ist wiederholt der Bezug auf die Nationalgeschichte auffällig. Die Nazis, die DDR, die Mauer. Ein Künstler, dessen Werk eine intensive Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit darstellt, ist Anselm Kiefer. Nicht als Geschichtslehrer, sondern als Spurensucher arbeitet er sich am Mythos ab und bezieht sich dabei immer wieder auch auf literarische Texte.


Rollenspiel

Daniela Dröschers Roman Pola

»Sie sind die Frau. Es ist Ihre Rolle. Sagen Sie es mir«, entgegnet der Regisseur Willi Forst seiner Hauptdarstellerin Pola Negri, als diese im Jahr 1934 bei den Dreharbeiten zur Ciné-Allianz-Produktion Mazurka die Gefühle der von ihr verkörperten Figur nicht versteht und es nicht schafft, überzeugende Tränen fließen zu lassen. Negri, polnische Stummfilmdiva mit glanzvoller Vergangenheit und ungewisser Zukunft, ist die Hauptfigur in Daniela Dröschers jüngstem Roman Pola. Sie hat an diesem Punkt ihrer Karriere bereits »dreiundfünfzig Filme, zwei Ehemänner und einen Weltkrieg überlebt«, eine wenig schmeichelhafte Abschiebung aus Hollywood hinter sich und so häufig die eigene Geschichte umgeschrieben, dass die Worte, die die Autorin dem Regisseur in den Mund legt, für Pola Negris Leben wie für den Roman Dröschers programmatisch scheinen.


Konkurrenz im eigenen Haus?

Zu Franziska Schößlers Einführung in die Dramenanalyse

Ja, der Metzler-Verlag. In grauer Vorzeit war er außer für Überblickswerke auch als Ort wichtiger literaturwissenschaftlicher Monographien bekannt. Doch seit einigen Jahren hat man sich – offenbar recht erfolgreich – ganz darauf verlegt [!], mittels Handbüchern und Einführungen wissenschaftliche Grund- und Erstversorgung zu liefern. Als eine der neuesten Einführungen ist kürzlich eine von Franziska Schößler verfasste Einführung in die Dramenanalyse erschienen.


Keine erzählenswerte Biographie

Der Reiher – eine Kritik des Debütromans von René Sydow

Leben und Tod; das sind Themen, über die schon alles gesagt wurde, zu denen aber eigentlich auch noch alles gesagt werden kann. Als zentrale Aspekte des Menschseins vermögen sie noch immer viel herzugeben. Auch René Sydow wagt sich in seinem Debütroman Der Reiher an keinen geringeren Stoff und übernimmt sich damit.


Shakespeare gegen Schiller

Volker Harry Altwasser erweckt den Pommernherzog Bogislaw XIV. zu neuem Leben

»Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.« So heißt es bei Friedrich Schiller, genauer gesagt in dem Stück Wallensteins Lager. Unzweifelhaft ernst war das Leben von Bogislaw XIV., dem letzten Herzog von Pommern, dem Volker Harry Altwasser nun ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Was den »Theaterroman« denn auch letztlich heiter macht, ist eben – die Kunst. Denn Ich, dann eine Weile nichts ist große Kunst.


Vom Popfaschismus zum Identitätsverlust

Am 30. Januar 2013 in Bonn liest Camille de Toledo im Rahmen der Reihe »Reading Europe: Neue Autoren aus Europa« aus seinem neuesten Essay

Das 21. Jahrhundert als Irritation des Individuums und der daraus folgenden Grausamkeit: So oder so ähnlich lautet die Kernthese des jüngsten Essays Von der Beunruhigung auf der Welt zu sein (original: L’ Inquiétude d’ être au monde), der nicht nur inhaltlich Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der 1976 in Lyon geborene Camille de Toledo (bürgerlich Alexis Mital) präsentierte bereits 2005 mit seinem ersten Buch Goodbye Tristesse. Bekenntnisse einen unbequemen Zeitgenossen (Confession d’ un jeune homme à contretemps) einen völlig neuen Stil, der die Elemente des Theoretischen, Autobiographischen und Fiktiven vereint: »Mein Werk, sei es Lyrik, Prosa, Fotografie oder Oper, will die Poetik des 21. Jahrhundert zugleich verkörpern und neu erfinden.«


Mord und Gerechtigkeit – Wer trägt die Schuld?

Sebastian Fitzek und Michael Tsokos präsentieren in Abgeschnitten einen atemberaubenden Thriller, der in die Tiefen der menschlichen Psyche führt

Ein Rechtsmediziner, der im Kopf einer Leiche die Telefonnummer seiner Tochter findet. Eine Comiczeichnerin, die sich auf einer Insel vor ihrem Ex-Freund versteckt und am Strand eine Leiche entdeckt. Zwei Menschen, zwei Geschichten. Doch ihre Wege werden sich schneiden – weil Er es so geplant hat! Fitzek und Tsokos – beide Experten auf ihrem Gebiet – brillieren gemeinsam in ihrem Roman Abgeschnitten. Fitzek, der sich bereits mit Bestsellern wie Das Kind oder Der Augensammler einen Namen gemacht hat, verbündet sich mit Tsokos, dem wohl bekanntesten deutschen Rechtsmediziner, der schon mit Der Totenleser Unglaubliches aus seinem Beruf erzählte und dessen Spezialgebiet sich unübersehbar in diesem Thriller spiegelt.


 

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